Sprache
← Alle Artikel Klinische Tests

PHQ-9, GAD-7 & Co.: Was klinische Fragebögen messen

Warum validierte Screening-Tests mehr über deine mentale Gesundheit verraten als ein einfacher Mood-Score

Marvin Blome 7 Min. Lesezeit

Was klinische Fragebögen leisten

Wenn du deine Stimmung trackst, nutzt du oft eine einfache Skala. „Wie geht es mir heute, von 1 bis 10?" Das ist ein guter Anfang. Aber was, wenn du genauer wissen willst, wo du stehst?

Klinische Fragebögen sind standardisierte Screening-Instrumente, die in der psychologischen und psychiatrischen Praxis weltweit zum Einsatz kommen. Forscher haben sie in groß angelegten Studien entwickelt und validiert. Der PHQ-9 wurde 2001 von Kroenke, Spitzer und Williams gegen das strukturierte klinische Interview als Goldstandard validiert (Sensitivität 88 Prozent, Spezifität 88 Prozent bei einem Cutoff von 10). Die Originalstudie ist bis heute eine der meistzitierten Arbeiten in der Hausarzt-Psychiatrie.

Der entscheidende Unterschied zu einem einfachen Mood-Score: Klinische Tests fragen gezielt nach spezifischen Symptomen und deren Häufigkeit über einen definierten Zeitraum. Das ergibt ein differenzierteres Bild als eine einzelne Zahl.

PHQ-9: Der Gold-Standard für Depressions-Screening

Der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Fragebogen zur Erkennung depressiver Symptome. Er besteht aus 9 Fragen, die sich an den diagnostischen Kriterien des DSM-5 orientieren.

Jede Frage bezieht sich auf die letzten zwei Wochen und wird auf einer Skala von 0 bis 3 bewertet:

  • 0: Überhaupt nicht
  • 1: An einzelnen Tagen
  • 2: An mehr als der Hälfte der Tage
  • 3: Beinahe jeden Tag

Der Gesamtscore reicht von 0 bis 27 und teilt sich in fünf Schweregrade:

PHQ-9: Score-Bereiche und Schweregrade

0 bis 4
Minimal
5 bis 9
Leicht
10 bis 14
Mittelschwer
15 bis 19
Mittel bis schwer
20 bis 27
Schwer

Wichtig: Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument, keine Diagnose. Ein hoher Score bedeutet nicht automatisch, dass du eine Depression hast. Er ist aber ein starkes Signal, professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen.

GAD-7: Angststörungen erkennen

Der Generalized Anxiety Disorder-7 (GAD-7) ist das Pendant zum PHQ-9 für Angstsymptome. Mit 7 Fragen erfasst er die Häufigkeit typischer Angstsymptome in den letzten zwei Wochen. Die Validierungsstudie von Spitzer et al. (2006) zeigte eine Sensitivität von 89 Prozent und Spezifität von 82 Prozent für generalisierte Angststörungen ab einem Cutoff von 10.

Die Bewertung folgt dem gleichen Muster (0 bis 3 pro Frage), mit einem Gesamtscore von 0 bis 21:

  • 0 bis 4: Minimale Angst
  • 5 bis 9: Leichte Angst
  • 10 bis 14: Mittelschwere Angst
  • 15 bis 21: Schwere Angst

GAD-7 und PHQ-9 kommen in der Praxis oft zusammen zum Einsatz, da Depression und Angst häufig gemeinsam auftreten.

Die kompakten Geschwister: PHQ-4, K10 und WHO-5

Neben PHQ-9 und GAD-7 enthält InnerPulse weitere validierte Instrumente:

  • PHQ-4: Eine Kurzform, die die beiden wichtigsten Fragen aus PHQ-9 und GAD-7 kombiniert. Ideal als schnelles wöchentliches Screening.
  • PHQ-2: Eine noch kürzere Variante mit nur 2 Items. Wenn beide Antworten unauffällig sind, brauchst du den vollständigen PHQ-9 selten.
  • K10 (Kessler Psychological Distress Scale): Misst allgemeinen psychischen Distress mit 10 Fragen. Besonders verbreitet in Australien und Neuseeland.
  • WHO-5 (Well-Being Index): Ein positiv formulierter Fragebogen der WHO. Er misst dein allgemeines Wohlbefinden, also Lebensqualität statt Symptome. Eine systematische Übersicht von Topp et al. (2015) bestätigt seine Validität als Outcome-Maß und Screening-Instrument für Depression in über 200 Studien.

Wie oft solltest du Tests machen?

Eine häufige Frage. Die Antwort hängt vom Ziel ab.

Für ein stabiles Selbst-Monitoring reicht in der Regel der PHQ-9 oder GAD-7 alle zwei bis vier Wochen. So fängst du Trends ein, ohne dich zu zermürben.

In akuten Phasen oder bei Therapiebeginn kann ein wöchentlicher Rhythmus sinnvoll sein. Du siehst dann schneller, ob eine Maßnahme greift.

Wenn du nur eine schnelle Orientierung willst, nutze den PHQ-4 wöchentlich und ergänze einmal im Monat den ausführlichen PHQ-9. Diese Kombination liefert dir Tiefe und Frequenz, ohne dich zu überfrachten.

InnerPulse erinnert dich an deine Tests und zeigt deinen Verlauf. Du musst dir keinen Kalender merken.

Tests im Therapie-Kontext

Therapeuten arbeiten mit Fragebögen aus zwei Gründen. Erstens, um eine Ausgangslage zu dokumentieren. Zweitens, um Veränderungen zu messen.

Wenn du in Therapie bist, sind deine eigenen Daten eine starke Gesprächsgrundlage. Statt zu erinnern, wie du dich vor zwei Wochen gefühlt hast, zeigst du den Verlauf. Das spart Sitzungszeit und macht Beobachtungen objektiv.

InnerPulse bietet einen CSV-Export. Du teilst deine Werte direkt mit deinem Therapeuten oder druckst sie aus.

Grenzen klinischer Fragebögen

Fragebögen sind ein Werkzeug, kein Orakel. Drei Grenzen, die du kennen solltest:

  1. Selbsteinschätzung schwankt. An manchen Tagen unterschätzt du deine Symptome, an anderen überschätzt du sie. Ein einzelner Score sagt wenig. Trends sind aussagekräftiger als Einzelwerte.
  2. Kontext fehlt. Ein PHQ-9-Score von 14 bedeutet bei einem Trauerfall etwas anderes als bei einer chronischen Episode. Dein Therapeut interpretiert. Der Fragebogen liefert nur Zahlen.
  3. Keine Differenzialdiagnose. PHQ-9 erkennt depressive Symptome, unterscheidet aber nicht zwischen unterschiedlichen Ursachen wie Schilddrüsenerkrankung, Schlafstörung oder bipolarer Phase.

Mit diesen Grenzen im Hinterkopf bleibt der Wert klinischer Tests groß. Sie ersetzen keinen Profi, aber sie schärfen deinen Blick.

Warum Tracking über Zeit den Unterschied macht

Ein einzelner Fragebogen-Score ist eine Momentaufnahme. Der eigentliche Wert entsteht durch wiederholte Messungen über Wochen und Monate:

  • Du erkennst Trends: Verbessert sich dein Score? Verschlechtert er sich?
  • Du siehst Zusammenhänge: Wie korreliert dein PHQ-9-Score mit deinen Einflussfaktoren?
  • Du hast objektive Daten für Gespräche mit deinem Therapeuten oder Arzt.
  • Du kannst die Wirksamkeit von Maßnahmen überprüfen, ob Therapie, Medikation oder Lebensstiländerung.

InnerPulse zeigt dir den Verlauf deiner Fragebogen-Ergebnisse als Trendkurve. So siehst du auf einen Blick, wie sich deine Werte entwickeln.

Klinische Tests plus Stimmungstracking gleich mehr Klarheit

Die Kombination aus täglichem Mood-Tracking und regelmäßigen klinischen Fragebögen gibt dir ein vollständiges Bild:

  • Tägliches Tracking zeigt dir kurzfristige Schwankungen und deren Auslöser.
  • Klinische Tests geben dir eine fundierte Einordnung über längere Zeiträume.
  • 82 Einflussfaktoren in InnerPulse helfen dir zu verstehen, was deine Stimmung wirklich beeinflusst.

Das ist der Ansatz von InnerPulse: Nicht nur fragen „Wie geht es mir?", sondern verstehen warum, mit Daten statt Vermutungen.

Für wen sind klinische Fragebögen geeignet?

Klinische Screening-Tests sind für jeden sinnvoll, der seine mentale Gesundheit besser verstehen möchte:

  • Wenn du dich fragst, ob deine Stimmung „normal" ist: Die Tests geben dir einen wissenschaftlichen Referenzrahmen.
  • Wenn du in Therapie bist: Teile deine Ergebnisse als Gesprächsgrundlage. InnerPulse bietet CSV-Export.
  • Wenn du Medikamente nimmst: Verfolge, ob und wie sie wirken.
  • Wenn du dich selbst optimieren willst: Verstehe, welche Faktoren den größten Einfluss auf dein Wohlbefinden haben.

Deine Daten gehören dir

Ein Punkt, der bei sensiblen Gesundheitsdaten entscheidend ist: Alle Daten in InnerPulse bleiben auf deinem Gerät. Keine Cloud, kein Account, kein Tracking. Deine Fragebogen-Ergebnisse sind genauso privat wie dein Tagebuch.

Weiterlesen

Das könnte dich auch interessieren

Klinische Tests

PHQ-9: Jede Frage erklärt

Der PHQ-9 hat 9 Fragen. Jede misst etwas Spezifisches. So verstehst du die Items, ihre Bedeutung und ihre Tücken im …

Mentale Gesundheit

Was antidepressiv wirkt: 25 Hebel, die deine Stimmung verändern

25 evidenzbasierte Hebel gegen Depression: von Therapie und Medikament über Sport, Schlaf und Beziehungen bis zu …

Journaling

Journaling bei Depression: Wenn die Worte fehlen

In depressiven Phasen fehlen oft die Worte für ein Tagebuch. So nutzt du Mini-Formate, die auch ohne Energie …